LST, Topping und Entlaubung einfach erklärt
Die kurze Antwort: Beim LST (Low Stress Training) biegst du Triebe sanft herunter und bindest sie fest, ohne die Pflanze zu verletzen. Beim Topping schneidest du die Triebspitze ab, damit sich zwei neue Haupttriebe bilden. Bei der Entlaubung entfernst du gezielt große Blätter, damit Licht und Luft an die Blüten kommen. Alle drei Methoden haben dasselbe Ziel: ein flaches, gleichmäßiges Blätterdach mit vielen kräftigen Blüten statt einer einzigen großen Spitze. Sie unterscheiden sich aber stark in Stress, Zeitpunkt und Risiko.
Eine Cannabis-Pflanze, die ungestört wächst, bildet meist die typische Weihnachtsbaum-Form: oben eine große Hauptblüte, darunter immer kleinere Seitentriebe, die im Schatten bleiben. Unter einer Lampe ist das ungünstig, denn das Licht nimmt mit dem Abstand schnell ab. Mit Pflanzentraining verteilst du die Triebspitzen gleichmäßig auf einer Höhe, sodass alle das gleiche Licht abbekommen. Das Ergebnis sind mehr gleichwertige Blüten und meist ein spürbar höherer Ertrag auf derselben Fläche.
Auf einen Blick
- LST ist die sanfteste Methode: kein Schnitt, kaum Stress, keine Erholungszeit. Ideal für Einsteiger und für Autoflowers.
- Topping verletzt die Pflanze gezielt. Danach braucht sie 3 bis 7 Tage zur Erholung. Nur in der Wachstumsphase anwenden, nie in der Blüte.
- Entlaubung entfernt Blätter, die Blüten beschatten. Nie mehr als etwa ein Viertel bis ein Drittel des Laubs auf einmal.
- Bester Startpunkt: wenn die Pflanze 4 bis 6 Nodien (Blattpaare) hat, meist in Woche 3 bis 5 der Wachstumsphase.
- Kein Training mehr nach dem Ende des Blütenstretchs (etwa Blütewoche 3), dann sind die Triebe verholzt und die Pflanze braucht ihre Energie für die Blüten.
- Die Methoden lassen sich kombinieren: Topping plus LST plus gezielte Entlaubung ist der Klassiker für ein gleichmäßiges Blätterdach.
- Wichtigste Regel: nur gesunde, kräftige Pflanzen trainieren. Gestresste oder kranke Pflanzen erst erholen lassen.
Die drei Methoden im Überblick
LST
Triebe sanft biegen und festbinden. Die Pflanze wächst in die Breite, die Seitentriebe holen auf.
Topping
Haupttrieb über einem Blattpaar abschneiden. Aus einer Spitze werden zwei gleich starke Haupttriebe.
Entlaubung
Große, schattenwerfende Fächerblätter entfernen. Mehr Licht an den Blüten, bessere Luftzirkulation.
Der direkte Vergleich
| Merkmal | LST | Topping | Entlaubung |
|---|---|---|---|
| Was passiert | Triebe werden gebogen und fixiert | Triebspitze wird abgeschnitten | Blätter werden entfernt |
| Stress für die Pflanze | Gering | Mittel bis hoch | Gering bis hoch, je nach Menge |
| Erholungszeit | Keine bis 1 Tag | 3 bis 7 Tage | 2 bis 5 Tage |
| Zeitpunkt | Ab 3 bis 4 Nodien bis zum Ende des Stretchs | Wachstumsphase, ab 4 bis 6 Nodien | Vor der Blüteumstellung und um Blütetag 21 |
| Für Autoflowers | Sehr gut geeignet | Riskant, eher vermeiden | Nur sehr leicht |
| Für Einsteiger | Ideal | Gut, mit etwas Mut | Gut, wenn zurückhaltend |
| Hauptrisiko | Trieb knickt oder bricht | Zu spät oder zu oft getoppt | Zu viel auf einmal entfernt |
LST: Low Stress Training
Beim LST nutzt du einen Mechanismus der Pflanze: Die höchste Triebspitze bekommt die meisten Wachstumshormone (Auxine) und unterdrückt damit die Seitentriebe. Biegst du die Spitze waagerecht herunter, verteilt sich das Wachstum neu. Die Seitentriebe streben nach oben und holen auf. Nach einigen Wochen hast du statt einer Spitze viele gleich hohe Triebe.
So funktioniert LST
- Richtiger Zeitpunkt: Starte, wenn die Pflanze 3 bis 4 Nodien hat und der Stängel noch biegsam ist. Am besten etwa 1 bis 2 Stunden nach Lichtbeginn, dann sind die Triebe am elastischsten.
- Haupttrieb biegen: Biege die Spitze langsam zur Seite, bis sie etwa waagerecht liegt. Fasse den Stängel dabei mit zwei Fingern nahe der Biegestelle und arbeite in kleinen Schritten.
- Fixieren: Binde den Trieb mit einem weichen Pflanzenbinder am Topfrand, an einem Stab oder an einem Haken fest. Niemals dünnen Draht verwenden, er schneidet ins Gewebe.
- Seitentriebe nachziehen: Sobald Seitentriebe höher wachsen als die anderen, biegst du auch sie nach außen und fixierst sie.
- Täglich nachjustieren: Die Spitzen drehen sich innerhalb eines Tages wieder zum Licht. Kontrolliere täglich und lockere oder versetze die Binder, damit sie nicht einschnüren.
Topping: aus einer Spitze werden zwei
Beim Topping schneidest du die Spitze des Haupttriebs knapp über einem Blattpaar ab. Die beiden Seitentriebe direkt unter der Schnittstelle übernehmen die Führung und wachsen zu zwei gleichwertigen Haupttrieben heran. Wiederholst du das an beiden neuen Trieben, werden aus zwei vier Spitzen, danach acht.
So toppst du richtig
- Zeitpunkt abwarten: Die Pflanze sollte gesund sein und 4 bis 6 Nodien haben. Zu früh getoppte Sämlinge erholen sich langsam.
- Schnittstelle wählen: Schneide oberhalb des 3. bis 5. Nodiums, knapp über dem Blattpaar, dessen Seitentriebe weiterwachsen sollen. Die unteren Nodien bleiben unberührt.
- Sauber schneiden: Mit einer scharfen, desinfizierten Schere in einem glatten Schnitt. Stumpfe Klingen quetschen das Gewebe.
- Erholen lassen: In den nächsten 3 bis 7 Tagen wächst oben kaum etwas, die Pflanze baut die neuen Triebe auf. Nicht düngen, nicht umtopfen, nicht noch zusätzlich stressen.
- Mit LST kombinieren: Die zwei neuen Haupttriebe nach außen biegen und fixieren, damit sie sich gleichmäßig verteilen.
Variante FIM: Beim FIM-Schnitt („Fuck I Missed") schneidest du nicht den ganzen Trieb, sondern nur etwa 70 bis 80 Prozent der jungen Spitze ab. Daraus können bis zu vier neue Triebe entstehen. Das Ergebnis ist weniger vorhersehbar als beim Topping, deshalb ist für den Einstieg das klassische Topping besser geeignet.
Entlaubung: Licht und Luft für die Blüten
Fächerblätter sind die Solarzellen der Pflanze. Sie produzieren Energie, beschatten aber auch die darunterliegenden Blütenansätze und behindern die Luftzirkulation. Bei der Entlaubung (englisch Defoliation) entfernst du gezielt die Blätter, die mehr schaden als nutzen. Wichtig ist das richtige Maß: Zu viel Entlaubung raubt der Pflanze Energie.
Welche Blätter wegdürfen
- Große Fächerblätter, die direkt über Blütenansätzen liegen und sie beschatten.
- Blätter im unteren Drittel, die kaum noch Licht bekommen und nur Energie verbrauchen.
- Blätter, die nach innen wachsen und das Innere der Pflanze verdichten.
- Vergilbte oder beschädigte Blätter, die ohnehin kaum noch zur Photosynthese beitragen.
Die kleinen Zuckerblätter direkt an den Blüten bleiben dran. Sie werden erst nach der Ernte beim Trimmen entfernt.
Die wichtigsten Zeitpunkte
- Leichte Entlaubung in der Wachstumsphase: Hin und wieder einzelne, stark beschattende Blätter entfernen, besonders nach dem Topping und beim LST.
- Kurz vor der Blüteumstellung: Das Innere und das untere Drittel ausdünnen, damit die Pflanze ihre Energie in die oberen Blütenansätze steckt. Untere, kleine Triebe ohne Licht ebenfalls entfernen (Lollipopping).
- Um Blütetag 21: Nach dem Stretch noch einmal gezielt Blätter entfernen, die Blüten beschatten. Danach in der Blüte nur noch vergilbte Blätter.
Der Zeitplan: welche Methode wann?
| Phase | LST | Topping | Entlaubung |
|---|---|---|---|
| Sämling (Woche 1 bis 2) | Noch nicht | Noch nicht | Nein |
| Frühes Wachstum (3 bis 4 Nodien) | Start | Noch warten | Nein |
| Wachstumsphase (4 bis 6 Nodien und mehr) | Laufend nachjustieren | Ideal | Leicht, nur Schattenblätter |
| Vor der Blüteumstellung | Letzte Ausrichtung | Letzte Gelegenheit, besser 1 bis 2 Wochen vorher | Unteres Drittel ausdünnen |
| Stretch (Blütewoche 1 bis 3) | Noch möglich, vorsichtig | Nicht mehr | Um Blütetag 21 gezielt |
| Hauptblüte (ab Blütewoche 4) | Nicht mehr | Nicht mehr | Nur vergilbte Blätter |
Kombinieren: Topping, LST und ein Netz
Die Methoden ergänzen sich ideal. Ein bewährter Ablauf für photoperiodische Pflanzen: einmal toppen, die zwei neuen Haupttriebe per LST nach außen leiten, gegebenenfalls ein zweites Mal toppen und die Spitzen gleichmäßig verteilen. Kurz vor der Blüteumstellung das untere Drittel ausdünnen und um Blütetag 21 noch einmal gezielt entlauben.
Eine Stufe weiter geht SCROG (Screen of Green): Dabei spannst du ein Netz waagerecht über die Pflanzen und leitest alle Triebe in die Maschen. So entsteht ein besonders flaches, gleichmäßiges Blätterdach, das die gesamte Lichtfläche nutzt.
Welche Methode passt zu dir?
- Erster Grow, Autoflower: Nur LST und höchstens einzelne Schattenblätter entfernen. Kein Topping.
- Erster Grow, Steckling oder photoperiodische Sorte: LST plus einmaliges Topping. Damit erzielst du mit wenig Risiko schon eine deutliche Verbesserung.
- Mit etwas Erfahrung: Mehrfaches Topping, konsequentes LST, gezielte Entlaubung vor und während der Blüte, eventuell SCROG.
- Wenig Höhe im Zelt: LST ist hier die wichtigste Methode, weil es die Pflanze flach hält, ohne sie zu verletzen.
Risiken und häufige Fehler
- Kranke oder gestresste Pflanzen trainiert: Training ist zusätzlicher Stress. Nach dem Umtopfen, bei Mangelerscheinungen oder Schädlingen erst die Erholung abwarten.
- Zu spät getoppt: Topping in der Blüte kostet Ertrag und verzögert die Ernte. Spätestens 1 bis 2 Wochen vor der Blüteumstellung ist Schluss.
- Zu stark gebogen: Ruckartiges Biegen bricht Triebe. Langsam, in mehreren Schritten und bei elastischen Trieben arbeiten.
- Binder einwachsen lassen: Draht oder zu enge Binder schnüren den Stängel ein. Weiche Binder verwenden und regelmäßig lockern.
- Kahl entlaubt: Wer zu viele Blätter auf einmal entfernt, nimmt der Pflanze die Energiequelle. Lieber öfter wenig als einmal viel.
- Mehrere Methoden am selben Tag: Topping, starke Entlaubung und Umtopfen gleichzeitig sind zu viel Stress auf einmal. Zwischen größeren Eingriffen einige Tage Pause lassen.
- Umluft vergessen: Gerade nach dem Entlauben hilft ein sanfter Luftzug, die Pflanze zu stärken und Schimmel vorzubeugen.
Häufige Fragen zu LST, Topping und Entlaubung
Was ist der Unterschied zwischen LST und Topping?
Beim LST werden Triebe nur gebogen und festgebunden, die Pflanze wird nicht verletzt und braucht keine Erholung. Beim Topping wird die Triebspitze abgeschnitten, sodass zwei neue Haupttriebe entstehen. Das ist wirksamer, bedeutet aber mehr Stress und 3 bis 7 Tage Erholungszeit.
Wann sollte ich mit LST anfangen?
Sobald die Pflanze 3 bis 4 Nodien hat und der Stängel noch biegsam ist, meist in der dritten oder vierten Woche. LST ist bis zum Ende des Blütenstretchs möglich, also etwa bis Blütewoche 3.
Wann ist der beste Zeitpunkt zum Toppen?
In der Wachstumsphase, wenn die Pflanze gesund ist und 4 bis 6 Nodien hat. Geschnitten wird oberhalb des 3. bis 5. Nodiums. Das letzte Topping sollte 1 bis 2 Wochen vor der Blüteumstellung stattfinden, in der Blüte gar nicht mehr.
Kann ich Autoflowers toppen?
Möglich ist es, aber riskant. Autoflowers haben eine feste Lebensdauer und blühen automatisch, die Erholungszeit nach dem Topping fehlt ihnen beim Wachstum. Für Autoflowers ist LST die deutlich sicherere Methode.
Wie viele Blätter darf ich beim Entlauben entfernen?
Nie mehr als etwa ein Viertel bis ein Drittel des Laubs auf einmal. Entfernt werden große Fächerblätter, die Blüten beschatten, sowie Blätter im lichtarmen unteren Drittel. Danach sollte die Pflanze einige Tage Ruhe haben.
Wann sollte ich in der Blüte entlauben?
Die zwei klassischen Zeitpunkte sind kurz vor der Blüteumstellung und um Blütetag 21, also nach dem Stretch. Danach werden nur noch vergilbte oder beschädigte Blätter entfernt.
Bringt Pflanzentraining wirklich mehr Ertrag?
In der Regel ja, vor allem unter einer Lampe. Training verteilt die Triebspitzen gleichmäßig im Licht, sodass statt einer großen Hauptblüte viele gleichwertige Blüten entstehen. Wie viel mehr Ertrag es bringt, hängt von Sorte, Licht und Ausführung ab.
Was mache ich, wenn beim LST ein Trieb abknickt?
Ein angeknickter Trieb lässt sich meist retten: Die Stelle mit Klebeband oder einem weichen Binder stabilisieren. Innerhalb weniger Tage bildet sich ein verdickter Knoten und der Trieb wächst weiter. Nur komplett abgebrochene Triebe sind verloren.
Alle Angaben zu Zeitpunkten, Erholungszeiten und Mengen sind allgemeine Praxiswerte und können je nach Sorte, Pflanzentyp und Bedingungen abweichen. Bitte beachte die in deinem Land geltenden gesetzlichen Vorgaben zum Eigenanbau.